AMPHITRYON

Regie: Nis Søgaard    |    Puppen: Lili Laube    |    Bühne: Jelena Nagorni    |    Kostüme: Amit Epstein    |    Dramaturgie: Anna-Maria Polke    |   Musik: We Will Kaleid (Lukas Streich, Jasmina de Boer)    |    Spiel: Amphitryon – Daniel Jeroma,  Alkmene –  Johanna Kunze,  Sosias – Merten Schoedter,  Charis – Gloria Iberl-Thieme,   Jupiter – Karoline Hoffmann,  Merkur – Sebastian Schiller,  Herkules – Colin Danderski
Premiere: 08.04.2022 | Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Amphitryon ist erfolgreicher Feldherr und Mensch, Jupiter intriganter Verwandlungskünstler und Gott. Beide begehren die gleiche Frau: Alkmene. In Gestalt ihres Gatten Amphitryon mischt Jupiter die Ehe auf, und auch Amphitryons Diener Sosias macht bei seiner Rückkehr aus dem Krieg Bekanntschaft mit einem göttlichen Doppelgänger. Das Chaos ist perfekt und schon nach kurzer Zeit hat keiner der irdischen Protagonist*innen noch den Überblick über die echte Identität des Gegenübers. Und während die treue Alkmene unter dem vermeintlich begangenen Ehebruch leidet, träumt Sosias‘ Ehefrau vom gesellschaftlichen Aufstieg. Aus dem lustigen Verwirrspiel entspinnt sich aber immer mehr eine Identitätskrise der Figuren. Regisseur Nis Søgaard fragt in Kleists Lustspiel nach der Bedeutung von Krieg und zeichnet den Kampf des Einzelnen für eine erfolgreiche Selbstinszenierung nach. Dabei hält er den Figuren den eigenen Spiegel vor und untersucht den menschlichen Glauben nach höheren Mächten.

Gemeinsam mit der Art-Pop-Band „We Will Kaleid“ präsentiert das MiR Puppentheater mit Masken, Puppen und Objekten einen Literaturklassiker, der mit seinen Motiven rund um die Selbstdarstellungswut der Menschen auch heute Aktualität besitzt.

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Presse

FIDENA – Das Spiel mit dem Schein (Sarah Heppekausen):
Nis Søgaard zelebriert am Musiktheater im Revier das Verwirrspiel mit Kleists „Amphitryon“ (nach Molière). Er inszeniert die Tragikomödie mit dem MiR Puppentheater als dessen erste Produktion für Erwachsene mit einem Literaturklassiker als Grundlage. Und das Spiel mit dem Schein treibt Søgaard ziemlich weit im Akustischen wie im Visuellen, mit Puppen und Masken, experimentellem Sound und exaltierten Kostümen. So viel Fläche für Fake!
[…] Diener Sosias ist es, der den Sieg gegen Athen und die Rückkehr des Amphitryon ankündigen soll. Aber andere waren schneller. Der Götterbote Merkur ist in Gestalt des Sosias längst in Theben und bandelt mit Sosias’ Frau Charis an. Und Göttervater Jupiter hat sich in Amphitryon verwandelt, um eine Liebesnacht mit dessen Gattin Alkmene verbringen zu können. Die Götter prahlen, die Menschen straucheln, die Identitätskrise ist groß. „Ich, welches Ich?“ Das fragt sich Sosias im Angesicht seines göttlichen Doppelgängers.
Im MiR sind die Götter Puppen – marmorweiß und klein wie Kinder. Und die Menschen tragen Masken – kaum Mimik, keine Falten, Starre im Gesicht. Sie haben sich ihr eigenes Bildnis aufgesetzt, ihr Antlitz inszeniert. Und sie bewegen sich wie Marionetten, wie Spielfiguren in der Videogame-Arena. […] Künstlichkeit ist das zentrale Motiv dieser Inszenierung – auf allen Ebenen. Auf Jelena Nagornis Bühne flackern die Blitze und architektonische Andeutungen von Torbögen stehen herum. Kostümbildner Amit Epstein hat dem Ensemble nicht bloß steife Lackkleidung verpasst, sondern den Nicht-Maske-Tragenden auch strenge, neonfarbene Perücken aufgesetzt. Persönlichkeit hat da keine Chance. Ironische Züge bekommt diese ganze Maskerade durch die Musik. Commedia de’ll Arte trifft Pop-Art. Maske gegen Puppe. Aber es gibt sie auch, diese wenigen zerbrechlichen Momente, die Menschlichkeit zeigen. Und es sind die Puppen, die Emotionales durchfunkeln lassen, genauer gesagt, die Puppen und ihre Spieler*innen. Wenn sich der beleidigte Jupiter-Amphitryon (Karoline Hoffmann) eine Zigarette anzündet und schmollt. Wenn Alkmene (Johanna Kunze) diese göttliche Gattenpuppe auf den Arm nimmt und plötzlich auch Rollenbilder infrage gestellt werden. Und wenn die Götter als unechte Menschen entlarvt werden: Dann erscheinen unter ihren Masken gesichtslose Köpfe. Ihre Körper saugen sich ein und verschwinden im Nichts. Entlarvte Kopfgeburten des Menschen. Der Rest bleibt Show.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung: „Amphitryon“ als furioses Puppenspiel (Wolfgang Platzeck) :
[…] Heinrich von Kleists „Amphitryon“ in der Regie von Nis Søgaard ist die erste Eigenproduktion des MiR-Puppentheaters, die sich ausschließlich an Erwachsene richtet. Jupiter (Karoline Hoffmann) übernimmt in Gestalt des Thebaner Feldherrn Amphitryon (Daniel Jeroma) für kurze Zeit die Rolle des Gatten der schönen Alkmene (Johanna Kunze); derweil verwandelt sich Götterbote Merkur (Sebastian Schiller) in den Doppelgänger des Sosias (Merten Schroeter) und hält Amphitryons Diener von Küche und Bett der Charis (Gloria Iberl-Thieme) fern. In Jelena Nagornis trefflicher Ausstattung mit den chromsilbernen Gerüsten und mobilen Podien, die in ihrer Multifunktionalität an antike Prachtbauten ebenso erinnert wie an moderne Show-Bühnen, nimmt das verzweifelte Ringen um die eigene Identität seinen bildgewaltigen Verlauf. Das exzellente Berliner Art-Pop-Duo „We Will Kaleid“ stützt und verstärkt dabei den Show-Spiel-Charakter der Inszenierung durch eine atmosphärische Untermalung, die vorwiegend auf rhythmusgeprägte elektronische Sounds setzt und gelegentlich vor chilliger Lounge-Musik nicht zurückschreckt.
Die vier menschlichen, die „originalen“ Figuren, opulent und in knalligen Farben ausstaffiert, tragen Masken, die von Beginn an von Schein künden, nicht von Sein. Ihre göttlichen Pendants wiederum sind Puppen – von drei „Pagen“ grandios geführte Figürchen in Kinderformat, die ihre fast farblose, marmorgraue Kontur hinter identischen Masken verbergen. Sie sind, als Projektionsflächen von Amphitryon und Sosias, kaum mehr als Schein-Riesen, die erst durch überzogenes Selbstverständnis und Fremdwahrnehmung Größe und Bedeutung erlangen.  Wenn sich die Götter, die man eher als falsche Ideale oder Manifestationen einer irregelaufenen Selbstsicht sehen sollte, schließlich offenbaren, wenn ihnen die Maske abgenommen werden, dann folgt hier kein Aufstieg in den Olymp. Die nunmehr gesichtslosen Puppen fallen in sich zusammen – inhaltslose Hüllen, die von den Pagen rasch entsorgt werden.